Dirigent

 Unser Dirigent: Walter Spicher

Walter Spicher

 

Für die folgende Vita musica ist unser Dirigent (fast) ausschließlich selbst verantwortlich. Die Schreiberin ist sich durchaus im Klaren darüber, dass ihr Einsatz als Saxophonistin mit diesem Bericht auf Messers Schneide steht…

Ich bin zu spät, ich weiss. Walter guckt schon ganz irritiert. Meine Schulkarriere ist noch nicht lang genug her, als dass mich das nicht mehr schocken könnte: Der Mann ist Lehrer und das schon seit fast 30 Jahren. Musik macht er noch länger. Er hatte schon mit sechs Jahren Klavierunterricht und mit neun hat er angefangen, auf der Orgel rumzuklimpern. Ach, deswegen! denkt sich der geneigte Fan der Blasmusik. Ja, deswegen. Deswegen hat er nach dem Abi in Köln und in Wuppertal Orgel, Gesang, Chor- und Orchesterleitung studiert und sich fleißig darum bemüht, seine Fähigkeiten im Dirigieren und Arrangieren zu verbessern. Deswegen steht auf unseren Stücken so oft „Arr. Walter Spicher“ – und es klingt brilliant. Deswegen hat er schon viele Chöre im Bergischen geleitet und war vor dem MVF bei einem Gladbacher Orchester als Dirigent tätig. Deswegen hört der Mann einfach alles. Und genau deswegen bemühe ich mich jetzt, es mir möglichst leise in der zweiten Reihe bequem zu machen. Er ist ein musikalisches Genie, was soll ich sagen? Es gibt Dirigenten,da hat man immer noch die trotzige Genugtuung: Egal wie sehr er rummäkelt, du kannst immer noch sagen – oder besser nur denken -, dass er es erst mal besser machen muss. Welcher Dirigent spielt schon jedes erdenkliche Instrument? Richtig geraten. Walter Spicher hat es sich seit seinem 18. Lebensjahr zur Aufgabe gemacht, jedes, aber auch jedes Instrument spielen zu können. Also beschränkt sich unser Widerstand auf dumpfes Grollen. Sonst kommt er womöglich auf die Idee, es vormachen zu wollen.

Er hat alles im Griff, trotz vergleichsweise kleiner Körpergröße. Wie immer überragt er die vor mir sitzenden Klarinetten nur um Haaresbreite. Seine Dynamik lernt er wahrscheinlich bei seinen Schülern. Nachdem er das Staatsexamen für Sekundarstufe I nachgeholt hatte, war er zuerst Musik- und Deutschlehrer an der Realschule Ahornweg in Bergisch Gladbach. Nach dem Staatsexamen für Sekundarstufe II ging er 1984 ans Gymnasium Overath, wo er dann seiner Leidenschaft für BigBand zum ersten Mal nachgab: Er gründete und leitete die Schul-BigBand. 1998 wechselte er ans Gymnasium Lindlar und, sie ahnen es schon, ist Gründer und Leiter der dortigen Schu-BigBand. „Also in Takt 7 waren die Trompeten zu laut, die Flöten zu langsam, die Klarinetten haben ihren Einsatz ganz verpasst und im Horn stimmte ein Ton im ersten Akkord nicht.“  Das zeugt für ein gesundes Talent für Multitasking. Neben seiner Lehrertätigkeit war er sogar mal Projektleiter für „Computer und Musikunterricht“ der Akademie für Musikpädagogik in Mainz (1992-1996) und ganz nebenbei noch Experte für musikpädagogische Software bei Apple          (1994-1997). Erstaunlich, dass er nie die Bodenhaftung verloren hat. Ach, deswegen! seufzt ein ganzes Orchester und Unmut verwandelt sich in ergebenes Lächeln. Deswegen freuen wir uns jedes Mal mit dem Nervenbündel, das sich leicht verschwitzt vorm Publikum verbeugt und seine Solisten am liebsten an Ort und Stelle knuddeln würde vor Erleichterung. Deswegen trinken wir nach getaner Arbeit mit dem „Karajan des Oberbergischen“ so gern noch ein Bier. Und deswegen wollen wir unseren Walter Spicher auch die nächsten 150 Jahre nicht hergeben.